©Teresa Karanartikel
01. Okt. 2025
Künstliche Intelligenz
Von 24. bis 26. September 2025 versammelte sich in Wien ein Who's Who der KI-Szene bei der TEDAI Vienna — und öffnete Fenster in eine Zukunft, die längst begonnen hat. Hier meine persönliche Top 5 der Trends, die besonders relevant für Tourismus, Innovation und gesellschaftliche Gestaltung sind.
Ein absolutes Highlight von TEDAI Vienna 2025 war der Auftritt von Reachy Mini, dem neuen humanoiden Roboter von Pollen Robotics. Gemeinsam mit einem englischen Improvisationstheater betrat der kleine Roboter die Bühne – improvisierte Szenen, viele Lacher, eine Mischung aus süß, lustig und futuristisch. Das Publikum war begeistert: Robotics sind nicht mehr nur Science-Fiction, sondern beginnen, ihren Weg in unseren Alltag zu finden.
Doch bei aller Begeisterung: Die Robotik steckt noch in den Kinderschuhen. Das hat die in Wien wohnende Historikerin Emily Kate Genatowski sehr pointiert gezeigt. Sie ist PhD-Kandidatin an der Universität Wien und war zuvor bei Google Arts & Culture tätig. Für ihre Forschung lebt sie seit über einem Jahr mit einem humanoiden Roboter zusammen – ein radikales Experiment, um zu verstehen, wie sich Mensch und Maschine in den Alltag integrieren. Mit viel Witz schilderte sie bei TEDAI Vienna die offenen Fragen, die dabei aufkommen:
Diese Fragen entlarven, wie weit Technologie und gesellschaftliche Rahmenbedingungen noch auseinanderliegen. Robotics sind also schon Teil unserer Gegenwart – oder werden das vermutlich früher als später werden. Aber die Regeln, wie wir mit ihnen leben, sind noch nicht geschrieben. Wer die Regeln mitschreiben will, kann das für mittlerweile leistbare 350 Euro machen, indem er den Reachy Mini bestellt. Open Source und zum Selberbasteln und Lernen. Ich war so angetan, dass ich mir direkt selbst einen bestellt habe. Verliebt. Wenn die Apokalypse so niedlich aussieht, bin ich dabei.
Gerade weil Roboter mittlerweile Emotionen zeigen (bzw nachahmen) können, eröffnen sie neue Erlebnisformate. Ob als interaktive Guides in Museen, als Concierge im Hotel oder als Show-Element bei Events – Robotics können im Tourismus auch Erlebnis-Innovation sein. Gäste reisen nicht wegen der Effizienz, sondern um etwas Besonderes zu erleben. Und ein charmanter Roboter könnte genau das liefern.
Ein besonderes Highlight von TEDAI Vienna war, dass Lukasz Kaiser von OpenAI persönlich auf der Bühne stand – einer der Köpfe hinter dem berühmten Paper "Attention is All You Need", das den eigentlichen Durchbruch für die aktuelle generative KI-Welle ausgelöst hat.
Es war unfassbar spannend, von genau diesem Menschen zu hören, wie er die derzeitigen Architekturen erklärt und gleichzeitig eine Zukunftsvision entwirft: Von reiner Mustererkennung hin zu Reasoning-Modellen, die Schritt für Schritt denken, wie es die „o"-Familie der Chat-GPT Modelle schon jetzt kann und für die sich Lukasz und sein Team auch verantwortlich zeigen.
Die Zukunft geht laut Lukasz zu Research Models, die sogar „parallelisierte Gedanken" haben – also Hypothesen gleichzeitig entwickeln können. Die Perspektive: KI, die nicht nur Antworten gibt, sondern selbst Forschung betreibt. Und das nicht nur für Mathematik, sondern für alle Wissenschaftsbereiche. Auch Oriol Vinyals (VP of Research und Gemini Technical Lead bei Google DeepMind) sprach von dieser Vision eines „AI Scientist", der die richtigen Forschungsfragen stellt und damit wissenschaftlichen Fortschritt massiv beschleunigen könnte.
Gerade deshalb bleibt für uns die entscheidende Frage: Welche harten Fragen müssen wir im Tourismus heute stellen, wenn KI noch besser wird? Denn klar ist: Auch aus der wissenschaftlichen Sicht wird hier noch einiges kommen – und die Reise ist längst nicht zu Ende.
Christopher Lassner (World Labs) zeichnete bei TEDAI Vienna ein Bild der nächsten Content-Generation: Content 3.0.
Die Reise des Contents startete bei Content 1.0: Dieser wird professionell produziert und hat meist hohe Fixkosten. Wohl bekannt ist uns allen, was er unter Content 2.0 einordnet: User Generated Content aus Social Media, wo auch wir als Konsument:innen gleichzeitig Producer:innen des Contents sind.
Eine spannende neue Perspektive ist hingegen der neue Aspekt der Content-Generation hin zu Content 3.0: generativ, ko-kreiert, immersiv. KI erschafft neue Welten, Räume und Geschichten, in denen der Mensch nicht nur Rezipient ist, sondern Teil der Story. Christophers Kernidee: Storytelling wird nicht mehr erzählt, sondern erlebt – individuell, räumlich, interaktiv.
Wir können selbst Teil der Story sein: Charaktere können mit uns als Nutzer:innen direkt interagieren. KI macht uns selbst zur Story. Die neuen Storytelling-Möglichkeiten sind faszinierend – mit Narrativen, die man für jede Person individuell gestalten kann.
Für den Tourismus und das Tourismusmarketing liegt hier ein enormes Potenzial: Gäste können Geschichten nicht nur konsumieren, sondern mitgestalten und Teil davon sein. Destinationen können zu individuellen Narrativen werden – jede Reise ein einzigartiger Plot. Wie nutzen wir die Individualisierungsmöglichkeiten von KI-Content für inspirierende Erzählungen, die begeistern?
Advait Sarkar (Researcher bei Microsoft zu den Topics AI & Critical Thinking) brachte in seinem Talk einen Gedanken, der hängen bleibt: Wir lagern schon heute vieles an Systeme aus – Navigation zum Beispiel. Doch was passiert, wenn wir mehr und mehr beginnen, auch unser kritisches Denken auszulagern? Er hat es auf den Punkt gebracht: "We solved the problem of thinking - but thinking was never a problem."
KI hat schon jetzt große Effekte auf unser Denken, das zeigen auch zahlreiche Studien. Leider nicht immer nur gute – wer KI nur als Assistent einsetzt, verpasst die Chance, das Potential für kritisches Denken in den Vordergrund zu stellen. Da ist Advaits Appell sehr stimmig: KI darf nicht zum Denkersatz werden, sondern muss ein Tool sein, das uns denkend macht.
Statt schnelle Antworten zu liefern, kann und soll KI uns zu besseren Fragen anregen, unsere Reflexion schärfen und die Qualität unseres Denkens erhöhen. Er hat es sehr anschaulich gegenübergestellt – Assistant vs. Tool for Thought.
Ein Highlight im Talk war ein Prototyp, der genau da ansetzt, indem die KI kein „fertiges Ergebnis" liefert, sondern einen gedanklichen Dialog anregt, der neue Perspektiven öffnet. Nicht Effizienzsteigerung, sondern bessere Qualität der Entscheidung ist das Ziel. Klar, KI kann eine Abkürzung für viele Denkwege sein, aber KI muss weiter gedacht werden: als kritischer Sparringpartner.
➡️ Weg von „a tool that thinks for you" hin zu „a tool that makes you think".
Gerade in der Reiseplanung oder im Destinationsmanagement könnte KI weg vom bloßen „Empfehlungsautomaten" hin zu einem Reflexionspartner gehen: Anstatt nur „Top 10 Must-Sees" auszugeben, stellt die KI Fragen wie: „Reist du, um Neues zu lernen, dich zu entspannen oder dich herauszufordern?" Damit werden Gäste Co-Kurator:innen ihrer eigenen Reise – Im besten Fall werden Reisen dadurch persönlicher, bewusster und qualitativ wertvoller.
Verity Harding von der University of Cambridge und vom Time Magazine als eine der 100 einflussreichsten Menschen in Sachen KI gekürt, machte klar: Der Diskurs über KI ist von falschen Metaphern geprägt. Allzu oft wird von einem Rennen zwischen Staaten gesprochen. Die Schnelligkeit der Entwicklungen verstärkt diesen Wettlauf – oft rücksichtsloser als verantwortungsvoll. Auch die Tech-CEOs selbst haben diese Bilder geschürt: als gäbe es eine Ziellinie, an der jemand „gewinnt" und danach die Welt beherrscht. Doch das ist ein Irrtum: KI-Adoption ist kein Nullsummenspiel. In Veritys Worten: „Thinking zero sum prevents from creating a positive future." Wenn die eine Seite gewinnt, heißt das nicht automatisch, dass die andere verliert. Dieses Denken von KI als Nullsummenspiel treibt lediglich Konkurrenzdenken an.
Am Ende sind es zutiefst menschliche Entscheidungen, die die Zukunft der Technologie bestimmen. Der geopolitische Diskurs des Weltraumrennens und der Mondlandung beweist, dass es auch anders gehen kann. Trotz der extremen geopolitischen Spannungen des Kalten Krieges entstand der UN-Weltraumvertrag. Dieser Vertrag bestimmt, dass der Weltraum die „Provinz der gesamten Menschheit" ist und verbot die Platzierung von Atomwaffen im All.
Die Schlussfolgerung für KI: Wettbewerb muss nicht zu Spaltung führen. Wettbewerb war zwar Teil eines Rennens, aber die Botschaft, die geblieben ist, war nicht Sieg oder Dominanz. Wenn Nationen KI nutzen, um positive globale Ergebnisse in Bereichen wie Gesundheit oder Klima zu erzielen, ermutigt dies andere, das demokratische Modell für KI als attraktiver anzusehen.
Andere TEDAI-Talks haben auch aktiv gezeigt, wie „AI for good" eingesetzt werden kann. So kann KI sehr wohl ein Beispiel für Inklusion, Menschenrechte und neue Narrative sein:
Diese Beispiele zeigen auch: Es geht um Leadership und nicht ums Gewinnen. Drei tolle Beispiele dafür, dass große Durchbrüche nicht in Konkurrenz, sondern in geteiltem Leadership wirklich wirken.
Für den Tourismus steckt darin eine klare Botschaft: KI sollte nicht in der Logik „Wer ist schneller und hat die besseren Tools?" gedacht werden. Sondern als gemeinsames Projekt der Branche, bei dem Zusammenarbeit und eine geteilte Vision im Vordergrund stehen. Mit Change Tourism Austria können wir genau dieses „Moonshot-Narrativ" auf unsere Ebene übertragen – und zeigen, dass Kooperation mehr Strahlkraft hat als Konkurrenz.
Wie Verity Harding sagt: „We make our metaphors and then the metaphors make us." Darum ist es auch wichtig, die richtigen Metaphern zu wählen. Keine Sieger, nur Leader: Das Moonshot-Narrativ für KI.
TEDAI Vienna 2025 hat eines deutlich gemacht: Die KI-Revolution ist keine dystopische Zukunftsvision mehr, sondern gelebte Gegenwart – mit all ihren Chancen und Herausforderungen. Von charmanten Robotern auf der Theaterbühne bis zu KI-Systemen, die uns zu besseren Denkern machen: Die Technologie ist bereit, unser Leben fundamental zu verändern. Für den Tourismus bedeutet das eine historische Chance. Wir können die sein, die zeigen, wie KI nicht nur effizienter macht, sondern Erlebnisse schafft, die berühren. Die uns nicht ersetzt, sondern befähigt. Die nicht trennt, sondern verbindet.
Die wichtigste Erkenntnis aus Wien: Es liegt an uns, die richtigen Fragen zu stellen. Nicht „Wie schnell können wir KI einsetzen?", sondern „Wie gestalten wir mit KI eine Zukunft, in der Technologie und Menschlichkeit gemeinsam wachsen?". Mit Initiativen wie Change Tourism Austria haben wir die Chance, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Nicht als Gewinner eines Rennens, das niemand gewinnen kann – sondern als Leader einer Bewegung, die zeigt: Die beste Zukunft entsteht, wenn wir sie gemeinsam gestalten.
Die wahre Revolution liegt darin, dass wir endlich die Tools haben, um Tourismus neu zu denken – menschlicher, persönlicher und bedeutungsvoller als je zuvor. Wen von euch sehe ich nächstes Jahr bei der TEDAI Vienna?
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