©Roman Eggerartikel
20. Feb. 2026
Künstliche Intelligenz
Digitalisierung
WebMCP markiert den Übergang vom klickbasierten Web zu einer agentenfähigen Infrastruktur. KI-Agenten können Website-Funktionen direkt ausführen, statt Inhalte visuell zu interpretieren. Für Hotellerie und Destinationen bedeutet das eine strategische Verschiebung der digitalen Wertschöpfung: Strukturierte Daten, direkte Buchbarkeit und neue Formen der Sichtbarkeit entscheiden künftig über Wettbewerbsfähigkeit.
Das Internet, wie wir es kennen, steht vor einem grundlegenden Umbruch. Drei Jahrzehnte lang war das Web primär für Menschen konzipiert: visuell, klickbasiert, seitenorientiert. Nun verschiebt sich der Fokus radikal. In der entstehenden agentischen Phase des Internets interagieren nicht mehr nur Menschen mit Websites, sondern autonome KI-Agenten übernehmen Recherche, Bewertung und Transaktionen. Aus Browsing wird Delegation.
Im Zentrum dieser Entwicklung steht das Web Model Context Protocol (kurz WebMCP). Dieser neue Webstandard ermöglicht es Websites, ihre Funktionen strukturiert und maschinenlesbar bereitzustellen. Für die Tourismusbranche bedeutet das nichts weniger als eine strategische Neuverteilung der digitalen Macht.
Bislang mussten KI-Systeme Websites ähnlich interpretieren wie Menschen. Sie analysierten Screenshots, identifizierten Buttons anhand visueller Muster und versuchten Formulare pixelweise zu verstehen. Dieser Ansatz war rechenintensiv, langsam und fehleranfällig. Schon kleine Änderungen im Design konnten die Logik der Interaktion zerstören. WebMCP beendet dieses ineffiziente Imitieren menschlichen Klickverhaltens. Stattdessen deklarieren Websites ihre Funktionen explizit als strukturierte Werkzeuge. Ein Buchungsformular wird nicht mehr als Ansammlung von Eingabefeldern verstanden, sondern als klar definierte Funktion mit Parametern und erwarteten Ergebnissen. KI-Agenten können diese Funktionen direkt ausführen, ohne visuelle Umwege.
Technisch geschieht dies im Browser des Nutzers. Der Browser fungiert als vermittelnde Instanz zwischen Agent und Website. Damit entsteht ein kontrollierter, sicherer Raum für maschinelle Interaktion.
WebMCP bietet zwei Integrationspfade.
2. Der imperative Ansatz geht deutlich tiefer. Über JavaScript können komplexe Funktionen registriert werden, inklusive detaillierter Parametrisierung und asynchroner Logik. Damit werden Echtzeitverfügbarkeiten, dynamische Paketkonfigurationen oder personalisierte Angebotskombinationen möglich. Für anspruchsvolle Use Cases im Direktvertrieb eröffnet das neue Spielräume.

Erste Evaluierungen zeigen signifikante Effekte. Der Rechenaufwand für KI-gestützte Webinteraktionen sinkt deutlich, da die Bildverarbeitung entfällt und nur noch strukturierte Daten verarbeitet werden. Gleichzeitig steigt die Erfolgsquote bei komplexen Aufgaben erheblich (ca. 97%).
Für touristische Unternehmen ist das ökonomisch relevant. Die Kosten von KI-Systemen hängen direkt mit der verarbeiteten Datenmenge zusammen. Weniger Tokens bedeuten geringere Betriebskosten und schnellere Antwortzeiten. In einem Umfeld, in dem Millisekunden über Conversion entscheiden, ist das ein strategischer Vorteil.
Für Hoteliers eröffnet WebMCP eine historische Chance. Jahrzehntelang dominierten OTAs wie Booking.com die digitale Kundenschnittstelle. Mit agentenbasierten Interaktionen könnte sich dieses Kräfteverhältnis verschieben. Wenn ein Gast seinen KI-Assistenten bittet, ein Zimmer mit bestimmten Kriterien zu buchen, greift der Agent künftig direkt auf die Funktionen der Hotelwebsite zu. Voraussetzung ist jedoch, dass das Hotel strukturierte, qualitativ hochwertige Daten bereitstellt. Hier kommt das Konzept der Q-Data ins Spiel: Nur wenn Verfügbarkeiten, Raten, Zusatzleistungen und operative Details in einer konsistenten Datenbasis vorliegen, kann ein Agent präzise Zusagen machen.
Ohne WebMCP bleibt die Antwort generisch. Mit WebMCP wird sie konkret, verbindlich und transaktionsfähig. Der Unterschied liegt nicht in der Wortwahl, sondern in der Datenqualität und in der strukturellen Anbindung.

In Fachkreisen wird WebMCP gerne als USB-C-Anschluss für KI beschrieben. Statt individueller Schnittstellen zwischen jedem System und jedem KI-Modell entsteht ein universeller Standard. Eine einmalige Implementierung macht eine Website prinzipiell für unterschiedlichste Agenten zugänglich.
Für unabhängige Hotels ist das besonders relevant. Sie erhalten Zugang zu einer technologischen Infrastruktur, die bisher großen Ketten und Plattformen vorbehalten war. Gleichzeitig zwingt der Standard-Softwareanbieter im Hospitality-Bereich dazu, seine Systeme zu öffnen und interoperabel zu gestalten.
Für Destination-Management-Organisationen verschiebt sich die Rolle grundlegend. Es genügt nicht mehr, inspirierende Inhalte bereitzustellen. Destinationen müssen maschinenlesbar und maschinenhandelbar werden. Über WebMCP können DMOs Funktionen bereitstellen, die weit über reine Information hinausgehen. Ein Agent kann Trail Conditions abfragen, Live Parkauslastungen prüfen oder alternative Routen vorschlagen, wenn ein Hotspot überlastet ist. Besucherlenkung wird damit operativ umsetzbar. Gerade in alpinen Regionen mit sensiblen Ökosystemen eröffnet das neue Möglichkeiten für nachhaltige Steuerung. KI-gestützte Reiseplanung kann in Echtzeit auf Kapazitäten reagieren und Gäste personalisiert umlenken.
Trotz aller technologischen Dynamik bleibt Tourismus ein emotionales Geschäft. WebMCP optimiert Transaktionen und Logistik. Markenbildung, Storytelling und echte Begegnungen bleiben menschliche Domänen. Die strategische Herausforderung liegt darin, beides zu verbinden. Transaktionale Exzellenz durch strukturierte Schnittstellen und emotionale Differenzierung durch authentische Inhalte.
Autonome Agenten werfen zwangsläufig Fragen nach Sicherheit und DSGVO-Konformität auf. Im WebMCP-Modell übernimmt der Browser eine zentrale Kontrollfunktion. Agenten greifen nur auf explizit freigegebene Werkzeuge zu. Sensible Aktionen wie Zahlungen erfordern eine Benutzerbestätigung.
Darüber hinaus sind technische Mechanismen notwendig, die Zweckbindung, Protokollierung und Datenminimierung gewährleisten. Agentische Systeme brauchen klare Rollenmodelle und nachvollziehbare Ausführungsprotokolle. Datenschutz wird damit nicht mehr nur juristisch, sondern technisch implementiert.

Mit dem Aufstieg autonomer Agenten verändert sich auch die Logik digitaler Sichtbarkeit. Klassisches SEO zielte auf menschliche Klicks. In der agentischen Phase geht es um Generative Engine Optimization (= GEO). Entscheidend ist, ob KI-Modelle eine Quelle als vertrauenswürdig, strukturiert und transaktionsfähig einstufen.
WebMCP wird zum zentralen Instrument dieser neuen Sichtbarkeitslogik. Wer seine Funktionen maschinenlesbar anbietet, reduziert Interpretationsspielräume und erhöht die Wahrscheinlichkeit, in Empfehlungen berücksichtigt zu werden.
Die Einführung von WebMCP ist kein rein technisches Thema. Sie betrifft Geschäftsmodelle, Machtverhältnisse und Wertschöpfungsketten. Wenn Hotels und Destinationen den Standard aktiv implementieren, können sie einen Teil der digitalen Souveränität zurückgewinnen. Wenn ausschließlich Plattformen und intermediäre agentenfähige Schnittstellen anbieten, verschiebt sich die Macht weiter in Richtung zentraler Gatekeeper.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob das agentische Web kommt, sondern wer es gestaltet.
Wenn ihr bei diesem Thema vorne mit dabei sein wollt, schreibt mir gerne.